
Auf 4000 m Höhe, wo in Europa nur noch Eis und Schnee zu finden sind, liegt die bolivianische Andenstadt Potosí. Ihre Existenz in einer Höhe von 4000 m verdankt die Stadt allein der Tatsache, daß die Spanier dort riesige Silbervorräte fanden und mit Hilfe von indianischen und afrikanischen Sklaven abbauten. Seit dem 16. Jahrhundert wird in Potosí Bergbau betrieben. Die Minen sind beinahe erschöpft und mit ihnen die einzige Einkommensquelle einer Stadt mit ungefähr 100.000 Einwohnern. Viele Männer gehen deshalb nach Süden, um dort Arbeit zu suchen. Oft für immer. Übrig bleiben Frauen, Kinder und alte Menschen, für die fast jegliche Infrastruktur fehlt.
Im 16./17. Jahrhundert gehörte Potosí
zu den reichsten und größten Städten der Welt, nachdem
der "Cerro Ricco", der reiche Berg mit ungeheuren Silbervorkommen
entdeckt worden war. Spanische Kolonialherren und Abenteurer beuteten diesen
Reichtum hemmungslos aus.Während der "Blütezeit" von Potosí
mußten einige Millionen Indianer in den Minen Sklavendienste verrichten.
Innerhalb von 300 Jahren hat der Berg so über 8 Millionen Menschenleben
verschlungen. Auch die kahlen Flächen der ehemals mit Buschwald bestandenen
Hochebenen, die für die Befeuerung der Schmelzöfen abgeholzt wurden,
zeugen noch heute von dieser Epoche. Genauso erinnern die teils schon verfallenen
Prachtbauten an jene "große" Zeit. Der Reichtum des Landes wurde
nach Europa abtransportiert, so daß für die bolivianische Entwicklung
fast nichts übrig blieb.Nach der Unabhängigkeit kam der Reichtum nur
wenigen zugute
Die Minenproduktion lag in den Händen von drei Familien, die nach Erschöpfung der Silbervorkommen den Zinnbergbau vorantrieben und dabei ungeheure Gewinne herausschlugen. Von dieser Elite wurde das Land regiert. Sie sah keine Notwendigkeit, in andere Wirtschaftszweige zu investieren, solange sich mit dem Zinnabbau allein leicht viel Geld verdienen ließ.
Auch nach der Verstaatlichung der Minen hat sich nicht viel geändert: Mißmanagement, übergroße Bürokratie und Fehlplanungen ließen die Gewinne aus dem Bergbau schnell versickern.Mit dem Zusammenbruch des internationalen Zinnmarktes im Jahre 1985 versiegte die Haupteinnahmequelle der Stadt und von Bolivien.
Der drastische Preisverfall für Zinnerz machte viele Minen unrentabel und führte zu ihrer Schließung. Tausende von Mineros wurden entlassen. Für die meisten gab es weder einen Sozialplan noch die Hoffnung, irgendwo anders einen Arbeitsplatz zu finden. Dies bedeutet für viele Familien den Abstieg ins Elend, denn wie sollten sie ihren Lebensunterhalt bestreiten? Viele Männer ziehen auf der Suche nach Arbeit durchs ganze Land und lassen Frau und Kinder zurück. Den Mineros, die noch Arbeit haben, geht es aber auch nicht viel besser. Mit ihrem kargen Lohn, für den sie bei der schweren und ungesunden Arbeit buchstäblich ihr Leben verkaufen, läßt sich eine Familie alleine kaum ernähren. Mit dem Zusammenbruch der Wirtschaft nahm der Anteil der "Schattenwirtschaft" zu. Dies beinhaltet neben dem Schmuggel (Handel) hauptsächlich die Verarbeitung von Kokablättern zum Kokain. Inzwischen sind mindestens 1/10 der Bevölkerung von der Arbeit in diesem Bereich abhängig.